ILEF WÄHLT. STADTRATSWAHLEN. Das war das Podium.
DIESES MAL: KEIN KAFFEEKRÄNZCHEN.
Am Donnerstagabend baten die Illnau-Effretiker Ortsparteien zum Stelldichein der Stadtratskandidierenden - schliesslich steht am 8. März die Erneuerungswahl der Stadtregierung an. Anlässlich eines durch Stadt und Ortsparteien organisierten Podiums sassen die Kandidierenden bereits einmal Probe.
Tatsächlich. Fun-Facht am Rande:
Die im Effretiker Stadthaussaal auf der Bühne aufgebauten Sessel taten früher im Sitzungszimmer des Stadtrates beinahe 30 Jahre lang ihren Dienst und trugen über die Jahre so einiges an Lasten - und sie erhalten nun beim Schaulaufen bzw. Schausitzen ein zweites Leben. Durchgesessene Stühle für die Aspiranten? Nein, nein. So weit wollen wir hier nicht gehen.
Aber: Durch den Nicht-Wieder-Antritt von Erik Schmausser wird gemäss «Milchbüechli»-Rechnung ein Sitz im siebenköpfigen Gremium frei.
Für die Vakanz bewerben sich drei «Neue». Simon Binder, Daniel Huber, beide SVP und Andreas Hasler, GLP. Allesamt keine Unbekannten im politischen Umfeld und ihres Zeichens «politische Schwergewichte», wenn man so will. Hasler war jahrelanges Mitglied des damaligen Grossen Gemeinderates (heute Stadtparlament) und vertritt die Stadt noch immer im Zürcher Kantonsrat. Schon zuvor und bei anderer Gelegenheit hatte er sein Glück bei Stadtratswahlen versucht - scheiterte bislang aber. Auch Binder und Huber haben im Illnau-Effretiker Stadtparlament schon die verschiedensten Funktionen in vorberatenden Kommissionen und Geschäftsleitung bekleidet und präsidierten das Parlament auch schon als «Höchste Illnau-Effretiker». Sie wollen Sitze für die SVP zurückerobern, die seit 2018 nicht mehr im Illnau-Effretiker Regierungsgremium vertreten ist, im Parlament aber nach wie vor die grösste Fraktion stellt. Auch Huber war das Glück bislang nicht Hold. Der Einzug anlässlich der Wahlen 2022 blieb im verwehrt - er flog als «Überzähliger» aus dem Rennen.
Mit Ausnahme von Schmausser treten ebenso wieder an: Marco Nuzzi, FDP - auch als Stadtpräsident; Philipp Wespi, FDP; Samuel Wüst, SP; Brigitte Röösli, SP; Michael Käppeli, FDP, und Rosmarie Quadranti, Mitte. Letztere drei haben anlässlich der Erneuerungswahlen vor vier Jahren erstmals Einsitz im Stadtrat genommen. Wespi, Wüst und Nuzzi sind schon länger dabei - Wespi gar seit 2010, als damals jüngstes Mitglied einer Exekutive im Kanton Zürich. Marco Nuzzi bekleidet das Amt des Stadtpräsidenten seit 2022.
Neun Namen, eine Bühne, drei Runden. Und das Publikum. Zahlreich war es gekommen: Rund 200 Zuhörende lauschten dem, was folgte - und die eine oder andere hätte wohl auch gerne einen aktiven Part übernommen und Fragen an die Damen und Herren auf dem Podium gerichtet. Daraus wurde aber nichts. Zumindest im Saal. Ein von Enttäuschung triefendes Raunen bemächtigte sich der Stuhlreihen, als Kilian Meier, Mit-Organisator als Vorsitzender der Parteipräsidien-Konferenz, in seinen begrüssenden Worten verkündete: «Aus Zeitgründen verzichten wir dieses Mal auf die Durchführung einer Fragenrunde. Die Kandidierenden und auch Parteivertretungen stehen Ihnen im Anschluss im Foyer für persönliche Gespräche zur Verfügung».
Na dann: Politik halt auch als Stehgespräch beim Apéro. Das Fragestellen war somit einzig dem Moderatoren des Abends, Dani Wüthrich, vorbehalten. Wüthrich wohnt übrigens seit 18 Jahren in Effretikon und weckt wohl auch die eine oder andere Illnau-Effretiker Schlafmütze früh morgens anlässlich seiner Morgensendung bei Radio 1.
Eigentlich schade - das mit der nicht-stattfindenden Fragenrunde. Wer bereits bei der Podiums-Ausgabe von 2022 dabei war, mag sich erinnern, dass die kollektive Fragerei auch Platz liess für unverblümte Kommentierungen und Konfrontationen, und damit auch Raum schuf für die eine oder andere Schmunzelei, etwa wegen Zwischenrufen oder dem Wunsch nach einem Loch im Boden…
Dabei wurde unter anderem auch launig das Entsetzen über das «Kaffeekränzchen dort oben» zum Ausdruck gebracht. Nun. Kaffee wurde auch dieses Mal dort oben auf der Bühne nicht serviert. Wasser musste es tun.
EIN STADTPRÄSIDENT OHNE KONKURRENZ - ABER NICHT OHNE SELBSTKRITIK.
Der Auftakt wurde Marco Nuzzi, FDP, zuteil - amtierender Stadtpräsident und einziger Kandidat für sein Amt. Auch wenn ihm die Bühne für einen kurzen Moment allein gehörte, «muss auch ich von den Stimmberechtigten als Mitglied des Stadtrates wiedergewählt werden», wies er gleich selbst auf diesen Umstand hin.
Im Rückblick auf die vergangenen vier Jahre benannte Nuzzi das Sparpaket als persönlichen Tiefpunkt. «Schlaflose Nächte, erstmals keine wirkliche Lust auf das Amt - es war nicht schön». Auch ein Stadtpräsident kämpft offenbar mit Zwischentiefs. Gleichwohl stünde er hinter dem geschnürten Massnahmenbündel.
Sein Selbstzeugnis? Note 4,5. Da erschliesst sich in seiner Selbsteinschätzung offenbar Luft nach oben - auch wenn ihm kein politischer Atem im Nacken steht, der ihm dort gefährlich entgegenwehen könnte.
ZWISCHEN INVESTITION UND INTENTION: DIE STADT-FINANZEN.
Im zweiten Teil des Abends trafen die «Neukandidierenden» Simon Binder, SVP, und Andreas Hasler, GLP, auf die Bisherigen Brigitte Röösli, SP, zuständig für das Ressort Gesellschaft und Philipp Wespi, FDP, verantwortlich für das Ressort Finanzen, sozusagen also der «Kassenwart».
Und diese «Kasse» bildete weitgehender Ausgangspunkt für diesen Diskussionsabschnitt. Bevor es dann etwas ernster wurde, waren Wespi, Röösli, Hasler und Binder noch zu Spässen aufgelegt; dann etwa, als es darum ging, sich kurz in einem Satz zu beschreiben. Ganz in Manier seines nicht unbekannten Radio-Chefs befragte Dani Wüthrich die Kandidaten: «Wer bist du?», stilecht. Fehlten nur noch die Schawinski'schen schwarzen Locken. Damit kann Wüthrich allerdings tatsächlich nicht mithalten. Aber wir bewerten hier auch nicht die Haarpracht des Interviewenden.
Schlagfertig, Brigitte Röösli: «Von meiner Grossmutter habe ich gelernt, dass ein Röösli auch Dornen haben kann. Manchmal muss ich davon im Stadtrat Gebrauch machen. Auch der Philipp hat sie schon zu spüren bekommen. Ich bin eine harte Verhandlungspartnerin, gell?», deklamierte Röösli augenzwinkernd nicht nur in Richtung von Wespi, sondern auch angesichts ihrer potenziell neuen Gegenüber. So, als ob sie die beiden damit bereits jetzt einschüchtern wolle. Simon Binder gab sich derweil unbeeindruckt jovial - als «Anwalt der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler», der sich auch für Parkplätze einsetzen will. Von praktischen Ansätzen leiten liess sich Andreas Hasler: «Ich wohne seit Kurzem so nahe beim Stadthaus, dass ich dann keinen weiten Arbeitsweg hätte».
Als erste in den Fokus geriet Brigitte Röösli - und stellte sogleich ein Müsterchen ihrer Dornen unter Beweis. Ihr Ressort war jüngst in einem parlamentarischen Vorstoss wegen eines markanten Stellenzuwachses in Kritik geraten. Röösli konterte mit dem Hinweis auf dadurch gesunkene Kosten in den Bereichen der Sozialhilfe und des Asylwesens: Verwaltung sei nicht Selbstzweck, sondern Entwicklungsinstrument. «Wir haben einen Job zu erledigen und dafür brauchen wir gute Mitarbeitende. Sorgen bereiten mir die gesellschaftlichen Entwicklungen - die demografische Entwicklung, die Pflegefinanzierung und die psychische Gesundheit von jüngeren Menschen. Das wird uns viel Geld kosten, wenn wir diese Aufgaben nicht angehen». Szenenapplaus.
Wespi sekundierte: Eine starke Verwaltung könne langfristig Kosten sparen - ein bewusst gefällter Entscheid des Stadtrates, wenn auch solche und andere Anträge immer wieder hart diskutiert würden. «Der Stadtrat ist eine Kollegialbehörde. Wir führen bisweilen lange und intensive Debatten - vertreten Entscheide jedoch stets mit einer Stimme», weiss der erfahrene Finanzminister zu berichten.
Die Diskussion verschob sich sodann vom Sparen hin zum Investieren. Oder anders gesagt: zur Frage, ob das eine ohne das andere überhaupt denkbar sei. Hasler verwies auf die sogenannten Sickertrottoirs, eine Massnahme des «Schwammstadt-Prinzips» das hüben wie drüben auch schon zu angeregten Diskussionen führte - allerdings handle es sich dabei um eine Investition im «Heute», um morgen teure Ausgaben zur Bekämpfung der Auswirkungen des Klimawandels zu vermeiden. «Schulden sind auch Schulden an Investitionen und an der Infrastruktur. Vieles ist in die Jahre gekommen und muss nun angegangen werden».
Binder hingegen mahnte zur haushälterischen Disziplin und erinnerte an hohe Planungskosten für einen Esel-Stall bei der Schulanlage Eselriet, «der letztlich dann doch nicht gebaut wurde, als man erkannte, welche Dimensionen das annimmt». Nur: «Bis dahin war schon ein sechstelliger Betrag an Ausgaben für Planungen verbraucht. Das würde mit mir nicht passieren».
Wespi räumte mit der alten Mär' auf, wonach die Stadt bloss daraufsetze und das Ziel verfolge, gute Steuerzahlende anzuziehen. «Nein - das stimmt nicht. Diese höhere Steuerkraft wird durch den kantonalen Ressourcenausgleich sofort aufgefressen. Mehr Steuereinnahmen heisst weniger Ressourcenausgleich».
WOHNEN ZWISCHEN MARKT, MINERGIE UND MENSCH.
Der dritte Themenblock rückte die Wohnpolitik in den Fokus bzw. driftete die Debatte zusehends dahin ab - mit ihr dahin drifteten Daniel Huber, SVP, Michael Käppeli, FDP, zuständig für das Ressort Sicherheit sowie Rosmarie Quadranti, Mitte, sie verantwortet das Ressort Hochbau und Samuel Wüst, SP, zuständig für das Ressort Bildung. Allesamt trieben gezwungenermassen mit der Diskussion mit: Irgendwie vermochte das Gespräch keine andere Themen-Wendung mehr zu nehmen.
Auf die Frage nach einer allfälligen parteiinternen Konkurrenz zu seinem Mit-Kandidaten Binder gab sich Huber zunächst gelassen: Man trete als Team an - auch wenn dies impliziere, dass ein bisheriges Mitglied den Einzug auch verpassen könnte. Mit ihm würde der Stadtrat «einen Mann der Praxis» gewinnen.
Die Wohnungsnot wurde parteiübergreifend als dringliche Herausforderung anerkannt - zu möglichen Lösungsansätzen gingen die Meinungen dann aber auseinander, ohne dabei jedoch ein konkretes Rezept zu präsentieren. Quadranti verwies auf politische Initiativen und betonte die Komplexität der Lage. Käppeli sah im Rückgang günstigen Wohnraums auch eine logische Folge aus der gestiegenen Standortattraktivität. «Wir alle würden gerne schön, zentral und günstig wohnen - das ist nicht immer möglich». Offensichtlich ein Zielkonflikt.
Huber plädierte für weniger Bauvorschriften und dadurch für günstigere Baukosten - etwa beim Minergie-Standard. Quadranti hielt dagegen: Energie-, Klima- und Gesundheitsanforderungen seien keine ideologischen Luxusgüter, sondern stellten Konsequenzen der Realität dar.
Wüst schliesslich erinnerte daran, dass steigende Mieten mittelbar auch die Stadtkasse belasten können - etwa dann, wenn Zusatzleistungen nötig werden. «Die hohen Wohnungsmieten sind auch in Illnau-Effretikon angekommen; keine wünschenswerte Entwicklung. Sie belasten insbesondere auch ältere Personen und Familien stark».
Schon in der ersten Runde wiesen die bisherigen Kolleginnen und Kollegen darauf hin, dass die Stadt immer wieder bemüht sei, ihren Spielraum zwischen Markt und der Bereitstellung von vergünstigtem Wohnraum mit entsprechenden Kompromissanträgen zu nutzen. Die Stadt verfüge zudem bereits über einen hohen Anteil an genossenschaftlichen Wohnungen - dieser sei höher als etwa in Uster oder Wetzikon.
AM ENDE: EINIGKEIT ÜBER DAS PROBLEM - NICHT ABER ÜBER DEN WEG.
Was blieb, war eine gewisse sich breitmachende Ernüchterung - nicht nur im Halbrund der Podiumsteilnehmenden, auch im Publikum war sie zunehmends spürbar. Vor allem wohl auch deshalb, weil die Erwähnung eines aktuellen Beispiels besondere Ratlosigkeit auslöste. Eines der Watt-Hochhäuser wurde vor Kurzem leergekündigt, damit dort eine Totalsanierung vollzogen werden kann. «Ein an sich verständliches Problem. Ein beinahe 50-jährige Liegenschaft muss einmal erneuert werden», waren sich die Diskussionsrednerin und -redner einig. Aber: Zahlreiche ältere Personen und Familien nun stünden auf der Strasse. «Betagte Personen müssen ihren Wohnsitz in einen anderen Kanton verlegen», konstatierte Moderator Wüthrich. «Die Miete wird danach um ein Vielfaches höher sein».
Die Diskussion zeigte: Wurde die gravierende Diagnose noch geteilt, war man sich bei den Rezepten allerdings uneins.
Moderator Wüthrich versuchte es zum Schluss auf den Punkt zu bringen: «Wohn-Politik wird oft von Eigenheimbesitzenden gemacht - eine Feststellung, die nicht zwingend auf Illnau-Effretikon gemünzt ist. Sie scheint aber auch hier nicht ganz unzutreffend zu sein», denn die Kandidatinnen und Kandidaten gaben zuvor ihre eigene Wohnsituation bekannt: Die Mehrheit besitzt ein Eigenheim. Schweigen.
Alles in allem blieben die Kandidatinnen und Kandidaten untereinander freundlich und sachlich. Wer allenfalls einen grossen «Show-down» oder ein Kreuzverhör erwartet hatte, ging leer aus. «Zum Glück», meinte eine Zuschauerin. «Das würde nicht zur hier gelebten politischen Kultur passen».
«Vieles läuft gut in Illnau-Effretikon», waren sich auch die Neu-Kandidierenden einig.
Blieb noch, die im Raum zuvor aufgezogenen Schwaden der Ratlosigkeit punkt Wohnbau-Thema runterzuspülen. Das ging besser beim anschliessenden Umtrunk. Die Parteien spendierten Wurst und Getränk - und ja, auch für Vegetarierinnen und Vegetarier war etwas dabei.
Wer sich von den Kandidatinnen und Kandidaten wie «geschlagen» oder wer «den Sessel am besten angewärmt» und Sitzleder bewiesen hat, können Sie selber entscheiden - und auch nachsehen. Das Podium steht als Aufzeichnung zur Verfügung. Es beginnt ab Abspielposition 47:35.